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Dem Gedächtnis eines großen Landsbergers

Zum 70. Geburtstages des Malers Robert Wartmüller

Landsberg, wie überhaupt die Neumark, ist nicht reich an künstlerischen Persönlichkeiten. Der Sinn des Ostmärkers, dieses mit zäher Unverdrossenheit aus selbstverwurzelter Heimatliebe heraus immer wieder den bitteren Kampf um eine oft mehr als karge Existenz aufzunehmenden Gesellen war und ist mehr auf die Lebenswirklichkeit eingestellt im Gegensatz zu dem Menschenschlag des Südens und Westens, dem größerer Wohlstand und freundlichere Lebensbedingungen die Möglichkeit boten, sich auch mit schöneren Seiten des Lebens zu beschäftigen. So ist es nur zu natürlich, daß der deutsche Osten manchen Staatsmann und Feldherren von Format nur selten dagegen einen bedeutenden Künstler hervorgebracht hat.
Umso mehr haben wir Anlaß, eines Malers zu gedenken, der heute, am 16. Januar, seinen 70. Geburtstag hätte feiern können, wenn nicht ein hartes Geschick ihm im blühenden Alter von 36 Jahren aus der Höhe seiner Schaffenskraft, am Beginn der Stufenleiter zu großem Ruhm, dahingerafft hätte: Robert Wartmüller.

Am 16. Januar 1859 erblickte er in Landsberg (Warthe) als Sohn eines Angestellten der Ostbahn das Licht der Welt. Der Vater übernahm dann später eine Landwirtschaft und war zuletzt Besitzer eines Gasthofes in der Richtstraße in Landsberg. Jugendeindrücke dreifacher Art also: Landsbergs Soldatenleben, ländliche Idylle und Gasthofsbetrieb, die sich in des Malers Werken Widerspiegeln. Auf dem Gymnasium schon, das Robert Müller – als Künstler legte er sich später die Bezeichnung Warth- Müller bei – nach der Reifeprüfung 1877 verließ, trat seine künstlerische Begabung schon so stark zutage, daß er’s durchsetzen konnte, im gleichen Jahr noch die Berliner Akademie der Künste zu beziehen, wo er unter Hanke, Thumann, Gussow und Knille eine strenge Ausbildung, zugleich aber auch eine sorgliche Förderung seines Talentes erfuhr.
Die Militärdienstzeit führte ihn in die Musenstadt München, und süddeutsche Gemütlichkeit und Fröhlichkeit zog ihn so in ihren Bann, daß er seinem Dienstjahr noch einige Studienjahre in der schönen Isarstadt folgen ließ und auch später zu seinen Offiziersübungen gern wieder einmal einige Wochen dort verbrachte. Zwischendurch weilte er ein Jahr auf der Kasseler Akademie unter Konitz.
In des jungen Künstlers Berliner Studienzeit fiel ein Ereignis, das für sein weiteres Leben entscheidend werden sollte. Gelegentlich eines Ferienbesuches im Vaterhaus lernte er die damals vierzehnjährige Luise Lube kennen, das Töchterlein eines angesehenen Landsberger Bäckermeisters, der in der Richtstraße 29/30 seinem Gewerbe nachging. Der Eindruck, den sie auf ihn machte, vertiefte sich im Laufe der Jahre mehr und Mehr und schließlich steuerte der Fünfundzwanzigjährige auf Seßhaftmachung und eigenes Heim hin. Berlin hatte er sich dazu ausersehen. Auf Wenzels Anregung hin trat er 1885 nochmals in das Atelier seines früheren Lehrers Knille ein; doch 1886 schon wurde er, 27jährig als Lehrer an die Königliche Kunstschule in Berlin berufen, die Ausbildungsstätte der preußischen Zeichenlehrer.
Mehr und mehr trat er als Maler der friderizianischen Zeit neben dem berühmtesten Illustrator jener Epoche, Adolf v. Menzel, in den Vordergrund. Den ersten großen Erfolg errang ihm 1887 das Genrebild „Der König überall“, daß Friedrich den Großen bei Kartoffeln erntenden Bauern im Oderbruch zeigt (der Alte Fritz hatte bekanntlich die Kartoffel in Preußen eingeführt). Weitere Gemälde aus jener Zeit, teils ernsten, teils heiteren Inhalts, vertieften diesen Erfolg. Es seien hier nur erwähnt „Der jüngste Rekrut“ (friderizianische Grenadiere als Einquartierung auf einem Bauernhof darstellend), „Ein Liebesmahl“ (im Offizierskasino eines Infanterie- Regiments), „Neckerei“ (Soldaten des Alten Fritz, mit Mädchen scherzend), „Eine bange Nacht“ (Friedrich II. in der Dorfkirche zu Elsnig nach der Schlacht bei Torgau), sowie einige weitere Bilder aus Schlachten des Alten Fritz, so „Fritz und Ziethen im Lager von Bunzelwitz“ der große König beobachtet die „Schlacht bei Roßbach“, vor allem aber ein weithin in Deutschland bekanntes, stark verbreitetes Gemälde, das heute noch die Nationalgalerie in Berlin ziert: „Friedrich der Große an der Leiche Schwerins“. Daneben schuf er manche köstliche Studie aus dem Leben, manche heitere Idylle aus Stadt und Land, so u.a. die ebenfalls in der Nationalgalerie in Berlin hängende „Kleeblatt“ und die von uns hier im Bild wiedergegebene „Eine gewichtige Person“, deren Original übrigens die Reise über den großen Teich gemacht hat und sich in amerikanischen Besitz befindet. Besonders bekannt geworden ist auch sein Zyklus dekorativer Wandgemälde aus dem Berliner Volksleben, mit dem er Anfang der Neunziger Jahre das Hotel „Monopol“ in Berlin ausstattete. Sei nur noch, zur Abrundung dieser gedrängten Übersicht über Wartmüllers umfangreiches Lebenswerk, der Tatsache erwähnt getan, daß er auch als Aquarellist und Landschafter erfolgreich hervorgetreten ist und nach einem längeren Aufenthalt in Paris 1892 ein gesuchter Porträtist, insbesondere von Damenbildnissen, wurde.
Zeit seines Lebens hat er seiner neumärkischen Heimat die Treue bewahrt. Die Bande, die ihn durch das Vaterhaus an sie fesselten, wurde noch stärker geknüpft, als er sich am 8. August 1888 mit Luise Lube vermählte. Häufige Besuche im elterlichen und schwiegerelterlichen Hause sahen den rastlos Tätigen oft draußen in der Natur, und stets kehrte er mit reicher Ernte in seinem Skizzenbuche wieder heim. Pausen der Besinnung, der inneren Einkehr kannte er nicht. Immer trieb ihn der künstlerische Impuls – fast, als sei ihm sein früher, allzu früher Tod gewiß gewesen.
Es ist das gleiche Bild, wie wir es bei einem der Größten in der Musik erlebten: bei Franz Schubert, der bei seinem frühen Tod der Menschheit ein volles Lebenswerk hinterließ. Und doch nicht das gleiche Bild: Schubert blieb der äußere Erfolg die Anerkennung seiner Zeit, versagt. Warthemüller dagegen gehörte zu den „Arrivierten“. Der Siebenundzwanzigjährige wurde Lehrer an der Königlichen Kunstschule in Berlin. Die Nationalgalerie erwarb Bilder von ihm, Kaiser Wilhelm I. zeichnete ihn in gleicher Weise aus. Und 1895 wurde er zum Professor an der Königlichen Akademie der Künste ernannt.
„Doch, wen die Götter lieben, der stirbt jung!“ Anfang Juni 1895 weilte Warthmüller in Pasewalk, wo das Kürassier – Regiment „Königin“ Nr. 2 sein 150jähriges Bestehen feierlich beging. Gemeinschaftlich mit seinem neumärkischen Dichterfreund, dem aus Driesen stammenden Lyriker und Dramatiker Dr. Otto Franz Gensichen, hatte er ein Festspiel zu diesem Tage einstudiert, das u.a. auch Kaiser Wilhelm II. so sehr gefiel, daß er Warthmüller zu einem friderizianischen Fest nach Sanssouci einlud. Aber weder diese Einladung noch auch dem ehrenvollen Ruf an die Berliner Akademie der Künste sollte Warthmüller Folge leisten können. Von Pasewalk heimgekehrt, legte es sich mit einer Blinddarmentzündung hin, von der er nicht mehr aufstand. Am 25. Juni 1895 ging der Sechsunddreißigjährige heim, eine trauernde Witwe und vier Kinder umstanden sein Sterbelager.
Aus der Vollkraft seines Schaffens mußte er dahin, eine schmerzliche Lücke nicht nur im Familienkreise hinterlassend. Eine Ausstellung kurz nach seinem Tode vereinte sein gesamtes Schaffen und legte noch einmal beredtes Zeugnis ab von der Tiefe der Persönlichkeit des Heimgegangenen und der ungeheuren Stärke seiner künstlerischen Produktivität. Zeigte gleichzeitig aber auch aufs deutlichste, welch schweren Verlust für das deutsche Kunstleben sein früher Tod bedeutete.
Dem Lebenden wären zu seinem heutigen 70. Geburtstag sicherlich reiche Ehrungen auch aus seiner Vaterstadt Landsberg zuteilgeworden, die stolz auf diesen ihren großen Sohn sein darf. Des Toten, nur in seinen Werken noch unter uns weilenden Wartmüller heute zu gedenken, war daher Ehrenpflicht! -W. Fbg.-

Quelle: Neumärkische Zeitung 16. Januar 1929