{"id":1827,"date":"2022-11-13T04:29:11","date_gmt":"2022-11-13T03:29:11","guid":{"rendered":"https:\/\/db-brandenburg.de\/?p=1827"},"modified":"2022-11-13T11:11:15","modified_gmt":"2022-11-13T10:11:15","slug":"die-erste-choleraepidemie-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/db-brandenburg.de\/?p=1827","title":{"rendered":"Die erste Choleraepidemie in Deutschland"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>250 000 Deutsche starben 1831 an der Cholera, darunter Gneisenau, Clausewitz und der Philosoph Hegel.<br \/>\nIn diesen Tagen ist es hundert Jahre her, da\u00df die Cholera die deutschen Grenzen \u00fcberschritt und furchtbare Verheerung in Deutschland anrichtete. Siebenmal in 64 Jahre kam die Cholera nach Europa, oft kam sie jahrelang nicht zum Stehen. Sieben Millionen Europ\u00e4er erlagen w\u00e4hrend der sieben Choleraepidemien der Seuche, und in der ganzen Welt ist die Zahl der Opfer mit hundert Millionen Menschen nicht zu hoch beziffert. Allein die H\u00e4lfte dieser Opfer entfallen auf Asien, die Heimat der Cholera, auf Indien und China. Riesig war die Zahl der Opfer im Ganges Gebiet. Der Grund: die meisten Abw\u00e4sser der Ganges St\u00e4dte werden in den Flu\u00df geleitet. Die religi\u00f6sen Vorschriften der Hindus schreiben B\u00e4der in diesem \u201eheiligen Flusse\u201c vor und Mundsp\u00fclungen mit Ganges Wasser. Wie die Seuche sich da blitzartig verbreitet hat, kann sich jeder ausmalen.<!--more--><br \/>\nNiederbengalen ist das Ursprungsgebiet der Cholera. Von dort verbreitete sie sich 1817 zum ersten Male \u00fcber Indien, wurde nach China eingeschleppt, und vernichtete elf Millionen Menschenleben. 1823 zeigte sie sich zum ersten Male auf europ\u00e4ischen Boden. Matrosen schleppten sie \u00fcber das Kaspische Meer zum russischen Hafen Astrachan, wo sie aber nach kurzer Zeit erlosch. 1830 brachten abermals Matrosen die Krankheitskeime nach Astrachan, und dieses Mal war die Wirkung furchtbar. Fast die H\u00e4lfte der Astrachaner Bev\u00f6lkerung erlag ihr. Wolgaaufw\u00e4rts wanderte dann die Krankheit, kam \u00fcber Kasan nach Nischni Nowgorod und wurde von dort von den H\u00e4ndlern der ber\u00fchmten Messe, die fluchtartig den Ort verlie\u00dfen, \u00fcber ganz Ru\u00dfland verschleppt. Wenige Tage sp\u00e4ter war Moskau verseucht, wo in wenigen Wochen 5000 Menschen an der Cholera starben. Verh\u00e4ngnisvoll aber wurde die Cholera f\u00fcr die russische und polnische Armee, die sich anl\u00e4\u00dflich der polnischen Revolution in Kongre\u00dfpolen gegen\u00fcberstanden. Im Mai 1831 kamen auf beiden Seiten s\u00e4mtliche milit\u00e4rischen Operationen zum Stehen, weil der bei weitem gr\u00f6\u00dfte Teil der Heere cholerakrank war. Vom russischen Generalstab starben die meisten Offiziere, unter ihnen der Armeekommandeur Feldmarschall von Diebitsch- Sablkanski; in Warschau, wo \u00fcber die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung erkrankt war, starb der Vizek\u00f6nig von Polen Gro\u00dff\u00fcrst Konstantin, an der Seuche.<br \/>\nRu\u00dflands westliche Nachbarn, Preu\u00dfen und \u00d6sterreich-Ungarn, hatten ihre Grenzen gegen Ru\u00dfland hermetisch abgesperrt, um so das \u00dcbergreifen der Seuche zu verhindern. Die \u00c4rzteschaft war damals zum gr\u00f6\u00dferen Teil der Meinung, da\u00df die Verbreitung der Cholera, \u00e4hnlich wie die der Pest, von Mensch zu Mensch erfolgte. Danach wurden alle Abwehrma\u00dfnahmen eingerichtet. Die \u00dcberschreitung der Grenzlinien wurde bei Androhung sofortiger Erschie\u00dfung streng und ausnahmslos verboten. Allein mit den Fl\u00fcssen aus Kongre\u00dfpolen kamen die Krankheitskeime nach Preu\u00dfen und \u00d6sterreich-Ungarn.<br \/>\nBei der damals geringen Zahl der St\u00e4dte mit Wasserleitungen in diesen Gebieten war der Genuss von Flu\u00dfwasser durchaus an der Tagesordnung, der Verbreitung der Krankheit also kein Hindernis entgegengesetzt. In Posen war die Cholera bereits Mitte Juli 1831 zuerst zum Ausbruch gekommen. Wenige Tage sp\u00e4ter war sie in Danzig, Thorn, Bromberg, K\u00f6nigsberg, Insterburg, Elb\u00edng, in der ganzen Provinz Posen und an der Weichsel gab es keinen cholerafreien Ort. In \u00d6sterreich-Ungarn war Galizien innerhalb weniger Tage verseucht von dort aus gelangte die Cholera nach Prag, wo sie furchtbar hauste, und nach Wien, wo die Zahl der Todesopfer in kurzer Zeit 2000 betrug. In \u00d6sterreich verzichtete man in der Erkenntnis der Unm\u00f6glichkeit, die Cholera zu bannen, auf weitere Absperrungsma\u00dfnahmen.<br \/>\nIn Preu\u00dfen machte man einen zweiten Versuch, nachdem die Grenztruppen s\u00e4mtlich von der Cholera ergriffen worden waren. Man errichtete mit Truppen aus den preu\u00dfischen Mittel- und Westgebieten einen neuen Grenzkordon an der ganzen Oder entlang. Aber auch das half nichts. Anfang August waren Stettin und Frankfurt (Oder) ebenso wie die ganze Neumark von der Krankheit ergriffen, es folgte Ende August Berlin, das man scharf gegen das flache Land abriegelte, um wenigstens das westliche Preu\u00dfen zu retten. Auch diese Bem\u00fchungen waren zwecklos. Die in jener Zeit in Berlin und anderen St\u00e4dten erschienenen Cholerazeitungen geben ein interessantes Bild davon, wie der Ausbruch der Cholera aufs Volk wirkte. Zun\u00e4chst gab es in ganz Deutschland eine Cholerapanik; als Folge eine Hochkonjunktur der Kurpfuscher, die viele Millionen mit wertlosen \u201eCholeraschutzmitteln\u201c verdienten. Die Absperrungsma\u00dfnahmen vernichteten den Handel und schufen eine furchtbare Wirtschaftsdepression. In den von der Cholera betroffenen St\u00e4dten wurden alle Versammlungen, B\u00e4lle, Theatervorf\u00fchrungen etc. verboten, selbst die Kirchen ver\u00f6deten. Niemand wagte mehr aus dem Hause zu gehen. Als trotz gr\u00f6\u00dfter Vorsicht an vielen Stellen dennoch die Cholera ausbrach und an andren Stellen trotz leichtsinnigen Lebenswandels die Krankheit sich nicht einstellte, verlor man jede Scheu vor der Krankheit. Und noch w\u00e4hrend die Cholera w\u00fctete, ging schlie\u00dflich alles wieder seinen gewohnten Gang. Mit gutem Beispiel ging der Berliner Hof voran, der trotz der Todesf\u00e4lle in der Hofgesellschaft so tat, als sei nichts geschehen und weiter Empf\u00e4nge und B\u00e4lle veranstaltete.<br \/>\nInzwischen war in Posen Feldmarschall von Gneisenau, der die Grenztruppen kommandiert hatte, an der Cholera gestorben. Im September brach die Cholera in Breslau aus. Im November starb dort an ihr Gneisenaus Generalstabschef, der ber\u00fchmte Milit\u00e4rschriftsteller General von Clausewitz, zur gleichen Zeit in Berlin der Philosoph Hegel.<br \/>\nVon Stettin aus gelangte die Seuche nach Stralsund, Rostock und L\u00fcbeck, nach Kopenhagen brachten russische Schiffe, und Hamburg und Magdeburg sowie die anderen Elbst\u00e4dte, darunter Dresden, hatte sie noch im Herbst 1831 in ihren Mauern. Aber auch West- und S\u00fcddeutschland blieben keineswegs verschont. Auch K\u00f6ln, M\u00fcnchen und N\u00fcrnberg hatten unter der Cholera sehr zu leiden. Sonderbarerweise blieben drei deutsche St\u00e4dte von jeder Choleraepidemie verschont: Hannover, Frankfurt (Main) und Stuttgart. Man f\u00fchrt das auf besonders g\u00fcnstige Trinkwasser- und Kanalisationsverh\u00e4ltnisse zur\u00fcck. Die Zahl der Todesopfer der Epidemie von 1831\/32 betrug allein in Deutschland 250 000, davon 100 000 in der Provinz Posen.<br \/>\nAus Deutschland kam die Seuche nach Holland insbesondere Rotterdam und Amsterdam, nach England, wo sie in Edigburg und London zuerst bemerkt wurde und dann nach Frankreich, wo sie in S\u00fcdfrankreich ganze Orte entv\u00f6lkerte. In Paris erkrankten \u00fcber 30 000 Menschen, von denen 18 406 starben. \u00dcber Italien und Spanien gelangte die Cholera mit Auswanderern nach Amerika, wo die Krankheitsfolgen insbesondere in den Hafenst\u00e4dten furchtbar waren. 1837 trat die Cholera \u00fcber Ru\u00dfland ihren zweiten Europafeldzug an, kam aber \u00fcber die Provinz Posen und die t\u00fcrkischen Balkanstaaten nicht hinaus. \u00dcber Syrien erreichte sie Europa zum dritten Male im Revolutionsjahre 1848, wo der revolution\u00e4re Elan durch die Cholera stellenweise erheblich ged\u00e4mpft wurde. Preu\u00dfen blieb indessen diese Mal verschont; West- und S\u00fcddeutschland hatten am meisten zu leiden. 1859 nahm die Seuche ihren Weg wieder \u00fcber Ru\u00dfland, kam aber nur bis Posen, Ost- und Westpreu\u00dfen und bis B\u00f6hmen, suchte daf\u00fcr aber mit furchtbarer Gewalt Skandinavien heim. Zum f\u00fcnften Male gelangte die Cholera von der arabischen K\u00fcste 1865 nach S\u00fcdeuropa, wo eine Million an dieser Epidemie starben, die bis 1875 dauerte und erst dann erlosch. 1866 trat sie in \u00d6sterreich-Ungarn auf, und w\u00e4hrend des preu\u00dfisch-\u00f6sterreichischen Krieges hatten beide Heere gro\u00dfe Verluste durch die Cholera. Die preu\u00dfischen Truppen brachten die Krankheit in die Heimat mit, und abermals hielt der Tod reichlich Ernte. In der Hauptstadt Berlin und Umgebung starben gegen 7000 Menschen bei einer Einwohnerzahl von 670 000, von denen jedoch viele gefl\u00fcchtet waren. Bis 1875 wanderte die Seuche jetzt in Europa und trat bald hier, bald da auf. 1884 wurden wieder die s\u00fcdfranz\u00f6sischen H\u00e4fen, bald danach ganz Frankreich, Spanien und Italien von ihr befallen, 1892 erneut ganz Ru\u00dfland, wohin die Cholera wiederum \u00fcber Astrachan kam. In Deutschland wurde nur Hamburg heimgesucht, wo in einem Monat von 16 956 Erkrankten 8605 starben. Der Hamburger Epidemie wird sich noch mancher entsinnen k\u00f6nnen. Hermann L\u00f6ns hat als Cholerakorrespondent in dieser Zeit in Hamburg geweilt und deutsche Zeitungen ein interessantes Bild vom Verlauf der Epidemie in Hamburg gegeben.<br \/>\n1839 trat in Dresden der Europ\u00e4ische Hygienekongress zusammen, um \u00fcber Abwehrma\u00dfnahmen zu beschlie\u00dfen, nachdem 1883 Robert Koch den Choleraerreger, den Komma-Bazillus, entdeckt hatte und ein Schutzimpfserum gegen die Cholera gefunden worden war. Seitdem ist die Seuche gebannt. Europa wurde von ihr befreit. <\/p>\n<p><em>Quelle: Neum\u00e4rkische Zeitung 26. August 1931<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>250 000 Deutsche starben 1831 an der Cholera, darunter Gneisenau, Clausewitz und der Philosoph Hegel. 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